"Standing Man" von Sean Henry

Die Skulptur „Standing Man“ des britischen Künstlers Sean Henry war im Rahmen der Skulpturenbiennale „Blickachsen 10“ im Freilichtmuseum Hessenpark ausgestellt. „Standing Man“ befindet sich seit November 2015 am Eschborner Südbahnhof.
Sean Henry verändert in seinen bemalten Keramik- und Bronzeskulpturen stets die Größenverhältnisse: Die menschlichen Figuren sind meist anonym, aber immer in Über- oder Unterlebensgröße dargestellt. Die Bronzeskulptur am Südbahnhof hat Henry als Abbild des deutschen Schauspielers Sebastian Koch gestaltet. Gekleidet mit einem Anzug und mit den Händen in den Hosentaschen scheint er auf die Ankunft oder die Abfahrt einer S-Bahn am Bahnhof zu warten. Die überlebensgroße Figur unterscheidet sich nicht merklich von den wartenden oder vorbei eilenden Passanten. Der menschliche Ausdruck in Haltung, Gestik und Mimik und die zeitgemäße Kleidung der Figur erzeugen beim Betrachter ein Gefühl der Vertrautheit. Auf diese Weise fügt sich „Standing Man“ in das alltägliche Geschehen ein. Die Skulptur existiert quasi Seite an Seite mit uns: Sie verweist auf das Hier und Jetzt, den Moment des Verweilens, in dem sich auch die Passanten am Bahnhof befinden.

Inspiriert hat Sean Henry der Film „Das Leben der Anderen“ mit Sebastian Koch. Bei der Gestaltung des „Standing Man“ zielte er darauf ab, charakterliche Züge der Filmrolle zu transportieren. So spiegelt sich laut Henry deren Gedankenfülle in der Skulptur wider. Der Künstler betont: „Bei der Arbeit an meinen Skulpturen interessiert mich das innere, geistige Leben meiner Modelle viel mehr als deren äußerliche Details.“  Henry sieht seine Figuren in der Tradition antiker Standbilder. Um die Farbgebung dauerhaft zu erhalten, ist die Skulptur mit einem speziellen Lack aus der Autoindustrie bemalt. Der „Standing Man“ war bereits in den USA und Schweden zu sehen.
Die Skulptur ist unverkennbar als Abbild des bekannten Schauspielers zu erkennen. Dennoch stellt Henry das Anonyme der menschlichen Figuren als sein wesentliches Anliegen dar: „Irgendwo auf der Welt sind wir alle anonym“, äußert der Künstler. Darauf verweisen auch die Titel der Kunstwerke. Henry lehnt die Gestaltung von Maßstab, Farbe und Material an die Realität an, variiert aber diese Parameter subtil. Dadurch entstehen gleichermaßen Gefühle wie Vertrautheit und Fremdheit. Dies erleichtert den Zugang für den Betrachter, der sich in den Skulpturen wiederfinden kann.