Kaum Bürgermeister, schon Krisenmanager: "Wir fahren immer nur auf Sicht"

Kaum Bürgermeister, schon Krisenmanager - wie Adnan Shaikh die Corona-bedingten Herausforderungen in Eschborn meistert. Ein Interview während eines "virtuellen Bürobesuchs".

Wie hatte sich das Bürgermeisteramt im Februar angelassen?

Meine erste Arbeitswoche fiel ja in die Hochphase der Faschingsfeierlichkeiten, und so war ich an jedem Abend unterwegs, bis hin zur Prunksitzung, das war schon ein bisschen außergewöhnlich. Ansonsten war es eine recht typische Woche, also mit einigen Terminen hier im Rathaus, vielen Terminen außer Haus und insgesamt einer guten Mischung aus Verwaltungs- und politischer Arbeit sowie Repräsentation-Terminen. Danach gab es einen schleichenden Übergang zum normalen Alltag – mit Kennenlerngesprächen, Jour-fixe-Terminen mit den Fachbereichen und Stabstellen, einem Börsenfrühstück auf dem Parkett und zwei Personalversammlungen. Insgesamt ging es in erster Linie darum, dass ich mich innerhalb und außerhalb der Verwaltung und Eschborns vorstelle und bekannt mache. Doch dieses Vorstellen wurde durch die aktuelle Situation jäh gestoppt und muss nachgeholt werden.

 

Wann haben Sie zum ersten Mal realisiert, dass das Corona-Thema richtig groß werden wird?

Am 11. März war ich bei einer Dienstversammlung ins Kreishaus Hofheim, die von Landrat Michael Cyriax und der Kreisbeigeordneten Madlen Overdick geleitet wurde und bei der über die aktuelle Situation informiert wurde. Dort wurde ich nachhaltiger mit der Pandemie in Kontakt gebracht, als mir lieb war, denn eine Woche später rief mich Frau Overdick an, da ich neben meinem Bürgermeisterkollegen aus Kelkheim, Albrecht Kündiger, gesessen hatte, der inzwischen positiv getestet worden war. Also war ich Kontaktperson der Kategorie 1 und musste mich direkt in häusliche Quarantäne begeben.

 

Was waren dann die ersten, wichtigsten Maßnahmen, die Sie in der Corona-Krise ergriffen haben?

In der Woche ab dem 16. März wurde zum ersten Mal der Verwaltungsstab einberufen, also alle Leitungskräfte und Vertreter der Feuerwehr, um uns so aufzustellen, dass wir in der Zukunft auf jeden Fall handlungsfähig sind. Zuerst haben wir dann täglich getagt, später dann zwei- bis dreimal wöchentlich. Dabei besprachen wir beispielsweise, nach welchem System wir – abwechselnd im Homeoffice und Rathaus – arbeiten werden, ob wir das Rathaus sowie die Außenstellen für Publikumsverkehr offen lassen und welche hygienischen Sicherheitsmaßnahmen wir zum Schutze für die Besucher des Rathauses sowie für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter treffen, etc.

Auch treffe ich mich seitdem mit allen Bürgermeistern des Main-Taunus-Kreises zwei- bis dreimal wöchentlich zu einer Telefonkonferenz, mal mit und mal ohne den Landrat. Diese Infos aus der nächsthöheren Ebene sind wichtig, damit wir wissen, worauf wir uns in den nächsten Tagen einstellen und was wir vorbereiten müssen, eben abhängig davon, welche Verordnung das Land erlassen wird. Wir fahren da ja immer nur auf Sicht. Außerdem brauchen wir die Absprachen untereinander, damit wir innerhalb des Main-Taunus-Kreises keinen Flickenteppich, sondern eine möglichst einheitliche Gangart haben. Dieser regelmäßige intensive Austausch, beispielsweise über den Umgang mit Kita-Gebühren oder der Öffnung von Rathäusern, funktioniert sehr gut und kooperativ, auch über Parteigrenzen hinweg. Das empfinden alle als sehr hilfreich, und das zeigt auch, dass wir das erklärte Ziel verfolgen, uns über die Vorgehensweise abzustimmen.

 

Gibt es in dieser Krise eigentlich übergeordnete Berater?

Die besondere Herausforderung ist, dass es halt keine Blaupause gibt, denn was wir gerade erleben, ist beispiellos. Grundsätzlich läuft es so, dass sich Ministerpräsident Volker Bouffier in Videokonferenzen mit Landräten und Oberbürgermeistern austauscht, und die wiederum geben das an die nächste Stufe weiter. Der Landrat ist die direkte Kommunalaufsicht, daher oberster Ansprechpartner für uns, und in seiner Sandwichposition kann er unsere Fragen auch nach oben an die nächsthöhere Instanz weitergeben.

Hilfreich empfinde ich es, dass im Verwaltungsstab auch die Brandschutzinspektoren als überfachliche Berater integriert sind, denn die denken quasi in systemischen Katastrophenszenarien. Ebenfalls gute Handlungsempfehlungen und Umsetzungshilfen erhalten wir von den kommunalen Spitzenverbänden, also dem Hessischen Städtetag und dem Hessischen Städte- und Gemeindebund, die die neuesten Verordnungen und Erlasse für uns interpretieren und runterbrechen. So ging es beispielsweise darum, was im Rahmen einer Notsitzungsrunde des Stadtparlaments beschlossen werden kann und was aufschiebbar ist.

 

Welche Angelegenheiten gibt es momentan zu regeln, wo können Impulse gesetzt werden?

Aktuell geht es beispielsweise um die Notbetreuung der Kinder in den Kitas, und wir müssen uns täglich die Frage stellen, wie wir mit den Neuerungen umgehen, die uns aus dem Land Hessen ereilen. Schaffen wir es also, den Bürgerinnen und Bürgern bei den zunehmenden Lockerungen bei Eisdiele & Co. entgegenzukommen, aber gleichzeitig genügend Abstand garantieren zu können und die Fürsorgepflicht für unsere eigenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern nicht aus dem Auge zu verlieren?

 

Tragen auch die Bürger spezielle Anliegen an Sie heran?

In den letzten Tagen wurde ja die Verpflichtung, künftig in Geschäften und im ÖPNV einen Mund- und Nasen-Schutz zu tragen, besonders diskutiert, auch in den sozialen Medien. Da mussten wir als Stadt entscheiden, wie wir damit umgehen, also wie wir die Bürgerinnen und Bürger in der Versorgung mit solchen Masken unterstützen und unsere eigenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ausstatten können. Wir haben uns schließlich dagegen entschieden, diesen Mund- und Nasen-Schutz kostenlos zu verteilen, denn zum einen sollten die FSP2-Masken dem Pflegepersonal vorbehalten bleiben und zum anderen nähen und verkaufen hier im Ort so viele Leute diese Alltagsmasken, so dass wir denen diese kleine Einnahmequelle nicht wegnehmen wollen. Also haben wir frühzeitig kommuniziert, wo man eine solche Maske kaufen kann und unterstützen gemeinsam mit dem Gewerbeverein die Internetplattform www.bleib-in-eschborn.de.

 

Wie sieht der „Alltag“ in Ihrem Amt aus?

Gestern gerade war ein relativ typischer Tag, der bei mir um 4.30 Uhr beginnt – meistens mit Sport. Manche Mails beantworte ich schon von zuhause, und gegen sieben Uhr fahre ich ins Rathaus. Dann hatte ich direkt einen Ortstermin, um eine geplante bauliche Veränderung in Augenschein zu nehmen. Dann gab es eine Sitzung des Verwaltungsstabs – selbstverständlich mit dem nötigen Abstand –, in der wir uns die aktuellen Fallzahlen und gesetzliche Neuerungen angeschaut haben. Außerdem geht es unter anderem darum, was fürs Wochenende vorbereitet werden und wo durch die Stadtpolizei bestreift werden muss.

Nach einem Jour-fixe mit einer Fachbereichsleiterin zum Thema Kindergärten musste ich um 10 Uhr zu einem Außentermin im Arboretum. Anlässlich des „Tag des Baumes“ wurde dort – im Beisein des Sulzbacher Bürgermeisters Elmar Bociek – eine Akazie gepflanzt. Für 11 Uhr stand ein Telefonat mit einer Kollegin im Homeoffice auf dem Plan, und um 12 Uhr gab es eine Telefonkonferenz mit dem Landrat und den Bürgermeistern. Irgendwann zwischendurch und nebenbei hatte ich übrigens ein Müsli mit Quark und ein Brot gegessen, das ich mir von zuhause mitgebracht hatte.

Während ich ein Webinar zum Thema „Der neue Kämmerer / Corona“ verfolgte, sah ich die Post durch, und dann ging es darum, den Masterplan 2030+, der unter Bürgerbeteiligung als Handlungsempfehlung für die Weiterentwicklung der Stadt erstellt wurde, in einem Vorabzug an den Lenkungskreis weiterzuleiten.

Mit der Pressestelle stimmte ich dann die nächste Aktion ab, um die Moral der Eschbornerinnen und Eschborner hochzuhalten, und erstellte ein Anschreiben für Neubürger. Im Anschluss bereitete ich mich auf die Videokonferenz des Haupt- und Finanzausschusses vor, die um 19.30 Uhr startete – nachdem ich mich ab 18.30 Uhr mit meinen Kolleginnen und Kollegen vorbesprochen hatte. Gegen 20.50 Uhr war die Konferenz zu Ende, und nachdem ich noch zwei Mails beantwortet hatte, war dann Feierabend. Zuhause werfe ich dann allerdings noch gerne einen Blick in die sozialen Medien, denn ein wenig neugierig ist man ja doch, was da so läuft und kommentiert wird.

 

Können Sie schon ein Fazit Ihrer kurzen Amtszeit ziehen?

Also toll ist es, dass ich mich auf eine unglaublich engagierte und innovative Mannschaft um mich herum verlassen – und mich jeden Tag darüber freuen kann! Innerhalb weniger Wochen haben wir einen super Facebook-Auftritt und Instagram-Account auf die Beine gestellt und auch die Website verändert. Alle ziehen sensationell mit, das macht einfach Spaß! Daher komme ich auch mit einem guten Gefühl morgens ins Büro und fahre abends genauso nach Hause. Es gab noch keinen einzigen Tag, an dem ich dachte „hätte ich das doch bloß nicht gemacht“. Bereut habe ich diesen Schritt bisher auf keinen Fall!

#ausliebezueschborn

 

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