Eschborn und Amerika - was verbindet eine Taunussstadt mit den Vereinigten Staaten?

Episoden aus über 150 Jahren

Auf der Landkarte liegen Eschborn und Washington tausende Kilometer auseinander. Doch manche Entfernungen lassen sich nicht in Kilometern messen. Die vielfältigen Verbindungen zwischen Eschborn und den USA zeigen, wie eng lokale Geschichte und internationale Beziehungen bis heute miteinander verflochten sind. Anlässlich des Unabhängigkeitstages, den die Vereinigten Staaten am 4. Juli 2026 zum 250. Mal feierlich begehen, hat der ehemalige Stadtarchivar Gerhard Raiss die amerikanischen Spuren verfolgt, die bis heute in Eschborn zu finden sind.
 

Noch vor wenigen Jahren hatten über 30 % aller Amerikaner deutsche Wurzeln. Auch der amtierende US-Präsident Donald Trump hat deutsche Vorfahren, seine Großeltern stammten aus der Pfalz. Mitte des 19. Jahrhunderts wanderten Hunderttausende Deutsche nach Amerika aus. Die Gründe waren teils durch Armut, religiöse oder politische Verfolgung begründet oder es war die Sehnsucht, sich in der „Neuen Welt“ etwas Eigenständiges aufzubauen.
 

Auch aus Eschborn und Niederhöchstadt starteten ganze Familien, die der Traum von einem Neuanfang einte, und machten sich auf nach Amerika. Aus Eschborn sind die Namen Gauf, Leidenbach, Keller und Kettenbach bekannt, die in den Jahren 1853/1855 auswanderten. Aus Niederhöchstadt sind zwei Familien überliefert: Henrich und Schütz. Vom weiteren Schicksal der meisten Emigrantenfamilien ist heute nichts mehr bekannt, bis auf eine Ausnahme: Der Niederhöchstädter Philipp Matthäus Gundlach trat bereits 1842 mit seiner Frau Susanne geb. Schütz und fünf Kindern die Reise nach Amerika an und ließ sich in Illinois nieder. Zuerst betrieb er dort eine Farm, eröffnete später eine Ziegelei und anschließend, mit viel Geschick, kaufmännischer Begabung und mit Hilfe von seiner Familie erfand er 1857 eine, für damalige Zeiten, moderne Sämaschine, auf die er sogar ein Patent erhielt. In den 1880er Jahre stellte er, inzwischen in einer großen Werkstatt, 1.500 Maschinen her und kam in Belleville zu Wohlstand und Anerkennung.

Die Nachfahren Gundlachs haben in den letzten Jahren mehrfach Eschborn und Niederhöchstadt besucht.
 

Im hiesigen Stadtarchiv ist ein interessantes Dokument mit Bezug zu einer anderen Amerika-Auswanderung überliefert. Dem Emigranten Jacob Sachs aus Niederhöchstadt widmete der Gesangverein Liederkranz 1887 zum Abschied eine gerahmte Urkunde mit einem „Herzlichen Lebewohl“.
 

Als es nach dem Ersten Weltkrieg große Probleme mit der Grundversorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln gab, waren es amerikanische Hilfsorganisationen wie die Quäker, die Nahrungsmittel nach Deutschland schickten. Zwei Dokumente im Stadtarchiv belegen dies: Im März 1921 wurde der Gemeinde Eschborn durch das Rote Kreuz zur Verteilung an „Minderbemittelte ein Quantum Fassbohnen“ zugeteilt, die von einem amerikanischen Hilfskomitee gespendet wurden. „Für notleidende Kinder“ erhielt die Gemeinde im Februar 1921 75 Pfund Mehl, das aus einer „aus Amerika stammenden Liebesgabe“ stammte.
 

Gut ein Vierteljahrhundert später öffnete sich ein neues deutsch-amerikanisches Kapitel in Eschborn: Wo heute der Camp-Phönix-Park Büros und Unternehmen beheimatet, belegten Ende März 1945 amerikanische Truppen den damals dort lokalisierten Eschborner Militärflugplatz und führten von hier aus bis zum 8. Mai Krieg gegen den Rest Deutschlands. Der Eschborner Platz wurde großzügig ausgebaut und war für etwa ein Jahr der einzige Flugplatz im Raum Frankfurt, der für große Überseeflieger geeignet war. So kam auch General Eisenhower hier an und fuhr mit seiner Eskorte durch Eschborn und Niederhöchstadt in sein Quartier im Kronberger Schloss, aber auch „Mammie“ Eleanor Roosevelt, die Witwe des US-Präsidenten, landete in Eschborn.

1945 und 1946 wurden zahlreiche hochrangige deutsche Nazigrößen vom Flugplatz Eschborn aus zum Verhör durch die Amerikaner im Camp King nach Oberursel gebracht.
 

Die meist jungen amerikanischen Soldaten fühlten sich in Eschborn bald heimisch und besuchten die örtlichen Gaststätten. Sie hatten die Turnhalle beschlagnahmt und veranstalteten dort Tanzveranstaltungen, um den Austausch zwischen der Besatzung und der Eschborner Bevölkerung zu fördern. Folglich veröffentlichte der Eschborner Bürgermeister am 21.02.1946 eine Bekanntmachung, in der „für die amerikanische Besatzungsbehörde 20 Damen (mit guter Garderobe) für einen Tanzabend“ eingeladen wurden. Dem Vernehmen nach war die Veranstaltung ein großer Erfolg, wohl auch weil es dabei Cola, Schokolade und andere Dinge gab, die man in Deutschland jahrelang entbehrt hatte. Manche der dortigen Begegnungen blieben nicht flüchtig: Aus ihnen entwickelten sich Partnerschaften und später sogar Ehen und damit deutsch-amerikanische Verbindungen, die ganze Familiengenerationen geprägt haben.
 

Den Amerikanern lag besonders die Betreuung der Jugend am Herzen. Am 12. Dezember 1945 wurde auf dem Flugplatz, nun „Camp Eschborn“ genannt, eine Weihnachtsfeier für bedürftige Eschborner Kinder veranstaltet. Etwa 300 Kinder versammelten sich im Camp. Ihnen wurde ein buntes musikalisches Programm geboten. Der Höhepunkt war die Bescherung mit Süßigkeiten und Cola. Im Jahr darauf wurde die Weihnachtsfeier in der Eschborner Turnhalle abgehalten. Die Gemeinde stellte das Brennholz zum Heizen der Halle, die US-Soldaten gestalteten die Feier. Jedes der 269 eingeladenen Kinder, so ist es überliefert, erhielt eine Flasche Cola, Gebäck, fünf Tafeln Schokolade, vier Rollen Drops und eine Tüte Popcorn. 1952 wurde die letzte Weihnachtsbescherung dieser Art für die Eschborner Kinder von den Soldaten des Camp Eschborn veranstaltet.
 

Dass die amerikanischen Besatzer das Wohl der Kinder besonders priorisierten, erkannt man auch daran, dass sie bereits 1946 die eigens gegründete Einrichtung „GYA“ (German Youth Activities) ins Leben riefen, die sich besonders um die Freizeitgestaltung der jungen Deutschen kümmerte. So wurden neben den bis dato noch unbekannten Sportarten Baseball und Basketball auch Schiffsfahrten für Kinder ab 10 Jahren angeboten. Überliefert ist im Stadtarchiv eine Liste mit 23 Namen von Eschborner Kindern, die am 17. September 1946 vom Eschborner Rathaus mit großen Sattelschleppern nach Schierstein an den Rhein gebracht wurden und dort eine Fahrt auf einen Rheindampfer unternahmen. An diesen Rheinfahrten der Amerikaner nahmen auch Kinder aus Niederhöchstadt, Sulzbach, Bad Soden und Schwalbach teil.
 

Eine neue Phase der Beziehung zwischen den Soldaten des Camp Eschborn und der Gemeinde ergab sich, als die fliegenden Verbände vom Flugplatz Eschborn abgezogen wurden und ab 1965 eine US-Pioniereinheit auf dem Gelände stationiert wurde.

Zuerst waren die Kontakte zur Gemeinde Eschborn meist technischer und administrativer Art, was sich aber im Laufe der Jahre zu einem intensiveren, gar freundschaftlichen Verhältnis entwickelte. Immerhin war das 317th Engineer Battailon eine Kampfeinheit mit Bezug zum „Kalten Krieg“, die im Ernstfall einen festen Platz an der damaligen Zonengrenze eingenommen hätte. Etwa 800 Soldaten waren mit ihren Fahrzeugen und ihrer umfangreichen Ausrüstung im Camp Eschborn beheimatet. 

Durch persönliche Kontakte zu den jeweiligen Kommandeuren der Einheit konnten die Eschborner Bürgermeister und die Stadtverwaltung schon bald ein sehr vertrauensvolles Verhältnis herstellen. Zur 1200-Jahr-Feier Eschborns 1970 marschierte eine Abordnung des Camp Eschborn beim Festumzug mit. Im August 1984 stattete der Eschborner Magistrat, auf Einladung des Commanders, dem Camp einen ersten Besuch ab. 
 

Ein weiterer großer Schritt zur Öffnung des Camps für die Eschborner Bevölkerung war ein „Tag der Offenen Tür“, zu dem das Camp und die Stadt Eschborn im Juni 1989 gemeinsam eingeladen hatten. Fast 3.000 Eschbornerinnen und Eschborner kamen. Neben der Besichtigung der Unterkünfte, Werkstätten, Fahrzeuge und eines Hubschraubers wurde ein umfangreiches Programm mit Sport- und Musikveranstaltungen (z. B. Countrymusik) geboten. Auch die „Eschborner Käwwern“ hatten einen Auftritt. 
 

Zur Weihnachtszeit lud die Stadt Eschborn alljährlich eine Anzahl Soldaten des Camps zu einem Advents-Kaffee in die Stadthalle ein. Mit eingeladen wurden auch jene Eschborner Mitbürgerinnen und Mitbürger, die sich bereit erklärt hatten, am Heiligen Abend bei sich zuhause je einen Soldaten als Gast aufzunehmen. Aus diesen Einladungen entstanden oft langjährige Freundschaften.
 

Besondere Anerkennung verdienten sich die Soldaten des Camps, als sie im Juni 1983 zum Beginn der Ausgrabung des alamannischen Gräberfeldes nahe dem Eschborner Friedhof mit ihren schweren Bulldozern die vorbereitenden Erdarbeiten übernahmen. Schon in früheren Jahren hatten die Pioniere vom Camp Eschborn die Erdarbeiten zum Bau des Eschborner Schwimmbades durchgeführt. Bei einer anderen Gelegenheit errichteten sie eine Fußgängerbrücke in der Unterwiesen über den Westerbach.
 

Der Höhepunkt der Beziehung war die feierliche Unterzeichnung einer Partnerschaftsurkunde („Certificate of Partnership“) am 21. Juni 1991 durch den damaligen Bürgermeister Martin Herkströter und Commander Scott in der festlich dekorierten Eschborner Stadthalle. Man versprach sich in der Urkunde gegenseitigen „respect, friendship und companionship“.

Bereits wenige Woche nach der Unterzeichnung des Freundschaftsvertrages wurde das Eschborner Bataillon in den Golfkrieg verlegt und erlitt auch Verluste. In Eschborn organisierte die Stadt ein Treffen der zurückgebliebenen Familien, insbesondere der Kinder. Bei Kaffee und Kuchen erhielten die Jüngsten Spielsachen und kleine Aufmerksamkeiten. 

Kurz nach der Beendigung des Golfkrieges kehrte nur noch eine kleine Abordnung der Soldaten nach Eschborn zurück, um das Camp aufzulösen und zu schließen. Mit einer feierlichen Verabschiedung mit einer großen Parade unter Anwesenheit zahlreicher deutscher Ehrengäste auf dem Campgelände endete am 15. Oktober 1991 die Ära des US-Camps Eschborn. Das Gelände wurde an die Bundesvermögensverwaltung zurückgegeben und später von den Kommunen Eschborn und Schwalbach erworben und als heutiges Gewerbegebiet eingerichtet. 
 

Was bleibt, sind persönliche, wirtschaftliche und historische Spuren. Durchaus kein Kapitel der Vergangenheit, sondern der Gegenwart: Im regelmäßigen Austausch der Heinrich-von-Kleist-Schule mit der Toma Highschool im US-Staat Wisconsin wird der Austausch lebendig gehalten - als Zeichen einer Verbindung, die Generationen und Kontinente miteinander in Kontakt bringt.