Der Skulpturenpark

Die Künstler

Direkt an der Straße, die Niederhöchstadt mit Eschborn verbindet, bilden sieben überlebensgroße Figuren einen Kreis. Sie stehen mit dem Rücken zum Betrachter. Dabei bilden sie eine offene Gruppe - wer mag, kann ihre Gemeinschaft teilen.
Geschaffen hat dieses Werk der in Nidda wohnende Bildhauer Stephan Guber - und alle, die wollten, durften im August und im September 2010 dabei zuschauen. Die Skulpturen wurden sozusagen aus dem Holz geboren - mit anderen Arbeiten hat Guber genau diesen Vorgang eigens thematisiert.
Die Niederhöchstädter Gruppe heißt „Das Versprechen“. Den Titel versteht wer sich das in der Mitte liegende Objekt näher ansieht. Es ist ein Ei und damit etwas, das künftiges Leben und damit künftige Ereignisse im Keim enthält. Mit geschlossenen Augen scheinen die umstehenden Figuren meditativ erspüren zu wollen, was diese Zukunft bringt. Oder befinden sie sich selbst im Zustand des Werdens? Ihre Sockelzonen sind noch ganz undefiniert, ihre Gewänder wachsen aus dem Boden und ihre von Stoff umhüllten Gesichter ähneln Blüten.
Neben dieser Natursymbolik hat Stephan Guber auch historische Zitate eingearbeitet. Der Umhang war ein über Jahrhunderte gebräuchliches Kleidungsstück. Guber verwendet außerdem kapuzenartige Hauben, die von mit Kronen vergleichbaren Reifen gehalten werden. Das erinnert nicht nur an die mit Figurengruppen ausgestalteten mittelalterlichen Domportale, sondern auch an die sehr einfach gehaltene Ausstattung mittelalterlicher, königlicher Grablegen. Handelt es sich also hier um die Darstellung von Prominenten? Nicht unbedingt. Die Gewänder der Guber-Gruppe erinnern auch an ein anderes historisches Beispiel - an Auguste Rodins 1895 ausgeführte Skulptur der „Bürger von Calais“. Rodin zeigt eine Gruppe von in Umhänge gekleideten Männern, die sehr erschöpft wirken. Tatsächlich stand hier ein historisches Ereignis Pate: Beherzte Bürger retteten ihre Stadt.
So dramatisch geht es im Niederhöchstädter Skulpturenpark einstweilen noch nicht zu. Aber wer weiß, was die Zukunft bringt? In ihr werden es Männer und Frauen sein, die für die bürgerliche Gemeinschaft tätig werden.

Seit 2011 befinden sich drei monumentale Frauenfiguren des Stuttgarter Bildhauers Dietrich Klinge im Skulpturenpark Niederhöchstadt. Der Künstler ist in Deutschland und in den USA mit zahlreichen Arbeiten im öffentlichen Raum vertreten. Klinge arbeitet seine Skulpturen in Holz aus und lässt diese Entwürfe dann in Bronze gießen. So wird die lebendige Oberflächenstruktur des natürlichen Materials konserviert, gleichzeitig trotzen die drei Frauen erfolgreich jedem Wetter.
Oder genießen sie es gar? Klinges Figuren weisen raumgreifende Gesten auf. Die Skulptur mit dem Titel „Entwurf für eine große Figur I“ wirft mit einer leichten Drehung des Oberkörpers aus einer entspannten Sitzhaltung heraus die Arme gen Himmel - das wirkt, als wolle sie einen Tanz mit den Elementen beginnen, und mit ihr spüren wir die Luft und das Licht, spüren wir Regen und Schnee. Die Skulptur „Polyanthe“ – der Titel erinnert an eine Rosenart - führt die Hände in einem Bogen über dem Kopf zusammen - wer diese Haltung nachahmt, erlebt einen Moment der Stärke und der geballten Energie. Die Frauengestalt „Entwurf für eine große Figur VI“ bildet gar mit ihrem Körper eine Brücke. Die drei monumentalen Frauenfiguren scheinen also nicht einfach nur in der Landschaft anwesend zu sein - vielmehr liegt die Schlussfolgerung nahe, dass sie deren Bestandteile Luft, Erde und Wasser verkörpern.
Aber sind solche Skulpturenarbeiten nicht sehr traditionell? Tatsächlich ist die weitgehend bedeutungsoffene Darstellung unbekleideter menschlicher und zumal weiblicher Gestalten eine Errungenschaft der beginnenden Moderne.
Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts durften unbekleidete menschliche Körper nicht ohne geschichtlichen, religiösen oder mythologischen inhaltlichen Bezug dargestellt werden. So hat das so genannte Urteil des Paris Generationen von Malern beschäftigt. Bekanntlich sollte der trojanische Königssohn dieses Namens eine von drei Göttinnen zur Schönsten küren und entschied sich für die Liebesgöttin Aphrodite - eine Wahl, die den trojanischen Krieg auslöste. Erst im 19. Jahrhundert war die Darstellung der unbekleideten, zumeist weiblichen Gestalt in der freien Landschaft ohne weitere inhaltliche Begründung möglich. Im 20. Jahrhundert dann sorgte Picasso für Aufsehen. Seine Frauengestalten sind oft ebenso eckig-kubistisch gestaltet wie die Niederhöchstädter Skulpturen.

Die Skulptur „Untitled (Installation #56)“ der niederländischen Künstlerin Hanneke Beaumont ist seit 2013 im Skulpturenpark. Die Bildhauerin ist mit ihren figurativen Skulpturen in ganz Europa und in den Vereinigten Staaten bekannt. Im Fokus von Beaumonts künstlerischem Werk steht der Mensch.
Die monumentale Skulptur in Niederhöchstadt ist aus Eisen und Bronze gefertigt und besitzt damit eine besondere Schwere. „Installation #56“ zeigt zwei lebensgroße Figuren, die auf voneinander abgewandten Bänken sitzen. Die Figuren haben sich zueinander umgedreht. Jede von ihnen streckt über einen Tisch einen Arm in Richtung der anderen aus. Durch ihre Körperhaltung erkennt der Betrachter eine Beziehung. Dennoch entsteht eine Distanz zwischen ihnen: In dem Tisch klafft eine Lücke. Dadurch wirken die einzelnen Figuren isoliert. Gleichzeitig spiegelt sich Vertrautheit und Staunen in ihrer Mimik wider. Die zaghafte Geste scheint ein Gefühl der Sehnsucht auszudrücken. So entsteht eine Spannung zwischen den beiden Figuren, die geradezu poetisch wirkt.
Beaumont kreiert keine reinen Porträts, sondern veranschaulicht vielmehr Seelenzustände des Menschen. Die Gesichter hat sie ihrem eigenen nachempfunden. Charakteristisch sind auch die einfachen Gewänder der Gestalten, die an eine zweite Haut erinnern. Das Werk ist eine Momentaufnahme eines flüchtigen Augenblicks. Eines Augenblicks des Zögerns, der Irritation, der Orientierungslosigkeit, eines zaghaften Neubeginns oder auch der Trauer und Melancholie. Dennoch wirken die Figuren nicht übertrieben emotional aufgeladen. Gleichzeitig bleibt Raum für eigene Assoziationen und Deutungen.
(vgl. www.blickachsen.de)

Der „Stein für das Licht“ des Künstlerehepaares Livia Kubach und Michael Kropp ist seit 2012 Teil des Niederhöchstädter Skulpturenparkes – und zwar auf Bürgerwunsch. Die Wähler ließen sich vom ebenso spielerisch wie mathematisch anmutenden Gestaltungskonzept des Jahrmillionenalten Granits überzeugen. Dass Steine ein Ergebnis der Erdgeschichte sind, ist dem Bildhauerteam in jedem Moment seiner Arbeit gegenwärtig. Die Künstler wissen, dass sie mit unwiederbringlichem Material umgehen – haben doch vorige Generationen einen Teil der steinernen Ressourcen bereits erschöpft. Mit dem Diamantbohrer verwandeln Kubach/Kropp die Steinmasse in ein filigranes Meisterwerk. Die Spannung zwischen dem Material und seiner Wirkung fasziniert – und erinnert an gotische Kathedralen: Auch hier scheint der Stein den Gesetzen der Schwerkraft entgegen zu streben. Ihre Feinteiligkeit öffnet auch die Niederhöchstädter Granitstele für das Licht. Der hohe, frei stehende Pfeiler lässt erstaunliche Erfahrungen zu. Wer vor dem Granitblock steht, erlebt das Licht in einer sonnenähnlichen Struktur, die sich am jeweiligen Betrachterstandpunkt ausrichtet. Das unterscheidet die Niederhöchstädter Stele von den archäologischen Zeugen frühgeschichtlicher Kulturen, deren astrologischer Kernzweck – und damit ihre Erlebbarkeit - an jahreszeitliche Zeitfenster gebunden waren. Der „Stein für das Licht“ hingegen ist jederzeit ‚nutzbar‘ – seine visuellen Qualitäten werden durch jeden Betrachter neu erschlossen! Und doch ist diese neuzeitliche Stele in ein gemeinschaftliches Ritual eingebunden: in die kollektive Freude an der Kunst. Mit der Lichtfähigkeit von Steinmassen hat das  Team Kubach/Kropp übrigens einen unverwechselbaren Stil entwickelt – seine Arbeiten sind international präsent. Mit ihren transparenten und zum Teil auch klingenden Steinen knüpfen sie an den Erfolg des bekannten Bildhauerehepaares Kubach/Wilmsen an, deren steinerne Buchobjekte auf den erdgeschichtlichen Archivcharakter des geologischen Produktes „Stein“ hinweisen.

Übersichtskarte SkulpturenPark